Freiberufliche Kunsthistorikerin im Jahr 2020 - Ein Jahr voller Erfahrungen

2020 ist zu Ende und 2021 beginnt. Der Jahreswechsel ist für mich immer wieder ein Grund, um mich neu zu orientieren und Dinge zu überdenken, das letzte Jahr gedanklich wie buchhalterisch abzuschließen. Daher habe ich beschlossen, ab nun auch einen Blog zu starten. Thema wird sein, das Berufsbild der Kunsthistoriker*in ein wenig reflektieren und auch transparenter zu machen. Ich werde auch aktuelle Begebenheiten in der Kulturbranche reflektieren und einzelne Aspekte meiner Arbeit vorstellen. Natürlich handelt es sich dabei vor allem um meine subjektiven Empfindungen, die ich hier mitteile, die Beiträge mal mehr oder weniger schnell verfasst.

 

Nun folgt ein kleiner Jahresrückblick:

 

Januar bis März 2020 - Der Auftakt in die Pandemie

 

2020 ist wohl ein Jahr, das vielen von uns wahrscheinlich ein Leben lang im Gedächtnis bleiben wird. Ich wollte 2020 richtig durchstarten, nachdem ich im Oktober 2019 gegründet habe. Yeees, dachte ich, auf geht´s ab geht´s. So wurden 2019 die ersten Auftraggeber an Land gezogen. Neben einmaligen auch solche, mit denen es wahrscheinlich eine mittel- bis längerfristige Zusammenarbeit geben wird und die auch mehrere Aufträge im Monat, teilweise auch in der Woche, erteilen werden. Ich bin dann im Dezember 2019 mit meinem Mann in unsere neue Eigentumswohnung gezogen, habe mir hier ein eigenes Arbeitszimmer eingerichtet... läuft, dachte ich.. dann kam der Jahreswechsel 2019/2020. Ich wuchs Anfang des Jahres immer mehr in meine Aufträge rein. Am Rande nahm ich in den Nachrichten irgendwo Corona wahr, dachte, najaaa.. die Schweine- und die Vogelgrippe hab ich auch fast nicht gemerkt, was interessiert mich das. Mindestens 2 Monate in dieser Zeit hatte ich durchgehend Nasen-Nebenhöhlen-Entzündung und war sowieso nicht so auf der Höhe.

So richtig in meine Wahrnehmung kam die Pandemie erst, als ich zu meinen Eltern gefahren bin und in den Nachrichten kam, dass Mailand abgeriegelt wird. Das war am 8. März. Dann überschlug sich in den folgenden Wochen alles: Eine Absage nach der anderen kam rein, alles dicht. Auf einmal waren die mühevoll an Land gezogenen Aufträge zu einem großen Teil weg. Ich war wie vor den Kopf gestoßen, schockiert. Ernüchterung und das Gefühl nicht zu wissen, was ich machen soll, machte sich breit.

 

Mein Geschäftsjahr 2020

Hätte sicherlich auch noch schlimmer sein können. Aber anders habe ich mir dieses Jahr definitiv vorgestellt. Vieles blieb in der Warteschleife oder wurde gänzlich gestrichen. Erfreulicherweise habe ich aber keinen Kunden verloren und es geschafft, mir doch einen kleinen Kundenkreis aufzubauen, sodass ich zumindest im Hinblick darauf zufrieden sein kann. Auch mein berufliches Netzwerk hat sich erheblich erweitert. 

Aufgabentechnisch habe ich für mehrere Ausstellungen in verschiedenen Häusern Führungen und Workshops erarbeitet und durchgeführt, mehrere Vorträge gehalten, einen Online-Kurs geplant sowie 2 Ausstellungen konzipiert, die 2022 zu sehen sein werden. Ich habe außerdem einige Kunst-Tagesreisen auf die Beine gestellt - keine einzige habe ich bisher machen können - aber egal, ich habe beschlossen, dass auch der Wille manchmal zählt. Im Februar war ich noch auf Geschäftsreise bei der ART Karlsruhe, war auf mehreren Online-Tagungen, habe eine Weiterbildung im Bereich der Digitalen Kunstvermittlung gemacht und habe unzählige Texte geschrieben sowie einen privaten Nachlass aufgearbeitet. Außer einer Sache, die schief ging und für die ich berechtigte, wenngleich auch unschöne Kritik bekam, liefen meine Projekte und Vermittlungsprogramme auch gut bis sehr gut aus meiner Sicht. Ich habe einiges an Lob und positiver Rückmeldung bekommen. 

Außerhalb meiner Selbstständigkeit habe ich die Zeit vor allem auch genutzt, um bei meiner Dissertation weiter zu kommen und beim DRK bei der Corona-Teststation auszuhelfen. Außerdem habe ich mit Nathalie Krall von THE ARTIST LIASION den 1. Gründer*innensalon Düsseldorf abgehalten, wenn auch nur virtuell und nicht wie geplant, vor Ort, um von anderen Gründer*innen aus dem Kunst- und Kulturbereich zu lernen, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

 

Was ich dieses Jahr gelernt habe..

  • Definitiv Frustrationstoleranz. Manchmal sah ich mich gefühlt vor einem Berg voller Absagen und Vertröstungen, war öfters traurig, frustriert und verzweifelt, habe sehr oft umgeplant und nach (digitalen) Lösungen gesucht. Nichtsdestotrotz habe ich es doch immer wieder geschafft mich zu motivieren und am Ball zu bleiben. Einfach war das nicht immer. Der Zeitpunkt um zu gründen hätte definitiv besser sein können. Aber: Man muss Dinge akzeptieren, wenn man sie nicht ändern kann habe ich gelernt. Und zumindest versuchen, das Beste draus zu machen.
  • Ich arbeite in keinem systemrelevanten Bereich. Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass einige meiner Mitmenschen mir schon vorher mehr oder weniger deutlich gesagt haben, wie unnötig sie meinen Beruf finden. Also eigentlich nicht wirklich etwas Neues.
  • Ich mit sehr wenig Geld trotzdem auskommen kann. Was will man auch machen. 
  • Ich mein Home Office liebe. Es ist warm, ich kann mich einlullen in mein gemütliches Büro, es ist meins, kein Fremder kommt rein... Ich liebe es.
  • Ich mein Home Office hasse. Naja, Liebe hat wohl auch ihre Grenzen. 24/7 Tage gefühlt nur noch im Büro zu sein, ist dann doch too much.
  • Corona-konforme Führungen und Workshops zu halten. Ich glaube, niemand im Bereich der Kunstvermittlung hat sich vorher irgendwann einmal auch nur irgendeinen Gedanken über Hygiene gemacht. Meine Auftraggeber haben mich da en detail eingeführt, sofern es ihnen möglich war. Manche dürften aufgrund ihrer Räumlichkeiten keine Führungen mehr machen bzw. die erlaubte Personenanzahl war zu gering, sodass es sich nicht lohnte. Wegen der Schließungen konnte ich das bisher leider wenig bis gar nicht umsetzen.
  • Digitale Kommunikation und die digitalen Medien haben Vor- aber auch Nachteile. Ich war dieses Jahr auf so vielen Tagungen und Veranstaltungen wie noch nie. Unzählbar auch meine Besuche virtueller Sammlungen und Museen. Digital = einfach und kostengünstig verfügbar. Kein Hinfahren, Übernachten, Reisekosten etc. Ich musste mich nur vor mein Notebook sitzen, konnte bei ausgeschalteter Kamera nebenher Süßigkeiten futtern und trotzdem an Diskussionen folgen. Prima. Ich war auch ganz erstaunt, wie schnell sich die Leutchen in meiner Branche eingefunden haben in das Ganze. Natürlich gab es die ein oder andere komische Situation. Aber, was solls.. nobody´s perfect. DICKES LOB. Leider merke ich aber auch: Ich vermisse das physische Miteinander sehr. Es ist einfach etwas anderes gemeinsam in einem Büro etwas zu besprechen und Kaffee zu schlürfen oder nach einer Führung noch eine interessante Frage zu beantworten bzw. einfach nur zu Small Talken mit den Führungsteilnehmern und dann wieder heim zu fahren. Von der virtuellen Präsenz der Kunstwerke beim Kunsterleben ganz zu schweigen. Das alles lässt sich mit digitaler Kommunikation und Medien doch nicht so einfach alles kompensieren. Wie alles im Leben gibt es hier halt auch Vor- und Nachteile. Dennoch bin ich Befürworter, die digitalen Wege in der Kunstvermittlung weiter zu beschreiten. Allein schon deswegen, weil man einfach nochmal ein anderes Publikum anspricht.
  • Und das Wichtigste: In besonderen Situationen wie diesen ist der enge und EHRLICHE Austausch mit dem Auftraggebern umso wichtiger. Lieber einmal zu viel eine Email schreiben, ein Telefonat führen, als zu wenig. Lieber einmal direkt gesagt bekommen, dass die Chancen der Durchführung schlecht stehen, als sich da was vormachen lassen zu müssen oder auch im eigenen Kopf Luftschlösser zu bauen. Ich habe zwar auch die Kunden, von denen ich nichts gehört habe, außer sie wollten etwas (was auch völlig ok ist bei einem Kunden-Dienstleister Verhältnis meiner Meinung nach). Es gab aber auch die, die mit mir gemeinsam am Telefon über unsere nächsten Schritte nachgedacht haben, die Anteil an meiner Situation als Selbstständige genommen haben, mir regelmäßig Infos zu Corona-Hilfen schickten, die mir ein Ausfallhonorar gezahlt oder sogar mein komplettes Honorar übernommen haben. Und auch welche, mit denen ich längere "Corona-Ohje-Ohje-Telefonate" geführt habe - nicht zu unterschätzen, wie wichtig das für das Verhältnis UND für einen selber sein kann. Zwischenmenschlich habe ich auch hier viele Pluspunkte zu vergeben! Auch das oben erwähnte Lob meiner Arbeit war dieses Jahr wohl wichtiger, als sonst. Auch ich brauche das, denn ich liebe meine Arbeit und möchte diese natürlich auch zur Zufriedenheit meiner Kunden ausführen. 

Mein kleiner erster Blog-Beitrag endet hier. Ich hoffe, Sie konnten einen kleinen Einblick in meinen Arbeitsalltag 2020 bekommen. Ich freue mich nun, den Blog weiter aufzubauen. 

 

Andrea Knittel

 

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